Kriegsenkel | Eröffnungsrede von Thomas Brandt

Barbara Meisner | Kunstforum

Interview zum Kunstförderpreis der Stadt Düsseldorf

Interview mit Barbara Meisner, Düsseldorfer Künstlerin im Jahr 2000 Das Interview führte François Saveur mit Barbara Meisner im Juli 2000 im Restaurant des Düsseldorfer Fernsehturms. François Saveur lebt in Paris und arbeitet als freier Journalist.

François Saveur: Frau Meisner ­ Sie haben mich hier ins Restaurant auf den Düsseldorfer Fernsehturm mitgenommen – wir drehen uns hier minimal, während ich Sie über Ihre künstlerische Arbeit befrage. Spielt diese Bewegung grundsätzlich eine Rolle in Ihrer Kunst?

Barbara Meisner: Sie haben Recht, Herr Saveur ­ ist ja auch naheliegend. Ich versuche oft, konkrete Situationen in der Außenwelt zu finden, die meiner Innenwelt entsprechen. Idealerweise müßten wir uns aber jetzt spiralförmig langsam nach oben drehen, um auf meine Installation ‘Gedankentransportmaschine’ zu kommen. Aber wer weiß, in welchen Ebenen wir da landen würden?

F. S.: Stichwort ‘Ebenen’­ Sie hatten mir vorhin von den vier Hauptebenen des Menschen erzählt, der physischen, der emotionalen, der mentalen und der spirituellen, die man in dieser Reihenfolge auch immer weiter bewußt betritt während eines Lebens. In der Installation gibt es ja auch Türme, auf denen Körperabformungen liegen. Können Sie mir den Zusammenhang erläutern?

B. M.: Tja, das ist ja immer schwierig, seine eigene Arbeit zu ‘erklären’. Auf jeden Fall hat der Gedanke der vier Ebenen eine Rolle gespielt, diese vier verschiedenen farbigen Kuben zu bauen. Ganz vereinfacht gesagt: braun-grün für die Erde; rot-orange für das Herz, blau für den Geist und gelb für das Transzendente, das über den Menschen hinausweist. Und die Körper nur als Hüllen und fragmentarisch, stellvertretend für Mann und Frau…

F. S.: Als wir uns letztes Jahr im Zuge des Kunstförderpreis 1998 der Stadt Düsseldorf unterhalten haben, ist mir schon aufgefallen, daß Sie immer wieder das Unsichtbare und Transzendente erwähnen. Steht das nicht im Widerspruch zur künstlerischen Arbeit an sich, die ja mit ganz faßbaren, nachvollziehbaren Mitteln arbeiten muß?

B. M.: Für mich nicht: Sie sehen doch: Holz, Farbe, Gips, Kabel, elektronische Steuerungen etc. Ich habe diese Materialien eher lose verbunden – modulhafte Steckverbindungen sozusagen – um Veränderbarkeit und Offenheit zu assoziieren. Die Schläuche, die in einer Spiralbewegung durch die Kuben und Körper laufen, geben dem Ganzen dennoch eine gewisse Geschlossenheit. Ich dachte da an Wicklungen bei elektrischen Spulen oder Turbinen.

F. S.: Ich möchte gerne noch auf die Sechseckform der mit Silber- und Schelllack bearbeiteten Platten eingehen. Warum Sechsecke?

B. M.: Wie schon gerade gesagt, faszinieren mich physikalische Gesetzmäßigkeiten, die sowohl im Mikro- wie auch im Makrokosmos zu finden sind. Dabei bin ich auf das sechseckige Wachstum von Schneeflocken gestoßen, die ja aus nichts anderem als Wassermolekülen – also einer grundlegenden Voraussetzung für unser Leben an sich – bestehen. Daß das Wachstum der sechs Zweige eines Schneekristalls derart koodiniert verläuft, liegt an Wärme- und Schallwellen im Kristall, die dafür sorgen, daß sich alle sechs Zweige völlig gleich entwickeln und zwar unabhängig davon, in welchem Zweig die veränderten Bedingungen erstmals auftreten. Die sogenannte ‘Chaos-Theorie’.

Aber mein Anlaß, die Platten sechseckig zu machen, war viel eher, daß nur Quadrat, Dreieck und Sechseck nahtlose Flächen bilden können. Ich wollte, daß Flächen zwischen den 9 Türmen bzw Körpern assoziiert werden können.

Ach, sehen Sie mal ­ da unten ist die Lausward, da im Düsseldorfer Hafen habe ich die Aktion : ‘Atmosphäre reinigen am Hafen’ gemacht. Ich hatte einen indischen Sari an und habe mit einem Räucherstäbchen in kreisenden Bewegungen den Äther gereinigt, das fünfte Element, wie es in Indien heißt. Ich hatte das dort gesehen und dachte, es könne sicher nichts schaden, die neue Medienmeile Düsseldorfs mit all den Medienfirmen und ihren 1000 Computern von ihrem Elektrosmog ein wenig zu reinigen.

F. S.: Und ­ hat’s was gebracht?

B. M.:  Keine Ahnung. Vielleicht bringt’s ja was auf eine Art und Weise, die ich nicht nachvollziehen kann. Auf jeden Fall sind daraus eine Serie großformatiger Collagen entstanden.

F. S.: Weil Sie gerade von Ihren Collagen sprechen. Ich finde da auch, wie in Ihren Installationen, diese Vielschichtigkeit und auch Vielfalt der eingesetzten Materialien: Fotos, Kopien, Zeichnung, malerisches Vorgehen: eine Art filmisches Denken und zwar übereinander, nebeneinander, offen und doch zusammengefaßt. Deswegen sehe ich da eine Nähe zum Film: Geschichten werden erzählt, in Metaphern, die sich jedoch einer letztendlichen Logik entziehen.

B. M.:  Ja, das sehen Sie ganz gut. Ich habe auch drei Jahre lang – zusammen mit der Künstlerin Ute Janssen – ausschließlich Videoskizzen gemacht. Wir nannten sie ‚Doppelherzprojekte’. Nach den Aktionen draußen haben wir das Filmmaterial selektiert, viel mit Überblendungen und Doppelbelichtungen gearbeitet, aber immer das Skizzenhafte, Assoziative gelassen. Mir entspricht diese Art zu arbeiten und ich gehe bei meinen Collagen auch heute noch so vor.

F. S.: Ihr Interesse gilt ja auch immer wieder maschinellen Vorgängen. Warum tauchen immer wieder Momente aus der industriellen Welt in Ihrer Arbeit auf?

B. M.: Das Denken des Menschen hat ja immer den Willen nach Aktion zur Folge. Dafür erfand er die Maschinen. Nicht nur, daß die Maschinen, gerade die der Schwerindustrie, etwas sehr Skulpturales haben; sie waren es auch, die gerade den Rhein-, Ruhrraum, in dem ich lebe, bewegt und verändert haben, sozusagen als Verlängerung des menschlichen Expansionstriebes. Maschinen verändern andauernd mein Umfeld. Ich mag elementare Produktionsketten. Mein Vater war Bergmann und mich fasziniert, wie z. B. Kohle unter schwersten Bedingungen mit den unglaublichsten Maschinen unter Tage abgebaut wird, um sich dann in Form von Brennstoff wieder in Rauch aufzulösen.

Diesen Kreislaufgedanken. Das sozusagen in die Tiefen der Erde hineingestürzte Sonnenlicht (Sonne / Bäume / Photosynthese / geologische Ablagerungen / Kohle / Energie / Rauch / Himmel / Sonne). Die Verbindung zwischen oben und unten und umgekehrt. Die Bagger, Kräne, Raupen, Brücken, Motoren, Werkzeuge, Schläuche, Kabel, Röhren, Förderbänder, Steuerungen etc ­ all das ist ein gutes Gegengewicht für mein Interesse am Transzendenten. Nächstes Mal treffen wir uns im Duisburger Binnenhafen – dann wissen Sie, was ich meine.

F. S.: Weil Sie Verbindungen und Schläuchen erwähnen: Ich sehe jetzt, nachdem ich mit Ihnen gesprochen habe, den Rhein unter uns, dieses graue Band wie es sich Richtung Norden schlängelt, völlig neu…

B. M.: Na, übertreiben Sie nicht, Monsieur Saveur. Aber das ist nun mal der französische Charme…

F. S.: Wie Sie meinen – ich danke Ihnen jedenfalls vielmals für dieses Gespräch, Frau Meisner.